AUSSTELLUNG TYPO GRAFIK
LAUDATIO ZUR VERNISSAGE
17. SEPT 2021
Ralph Böttig – Architekt und Fotograf
"Ich habe die Ehre, eine besondere Ausstellung zu eröffnen.
Dorit Goedecke feiert mit der TYPO GRAFIK ihr 20-jähriges Firmenjubiläum.
Diese Ausstellung befasst sich nur zum Teil mit dem, was in dieser Zeit entstanden ist. Sie lässt uns zurückblicken zu den Anfängen ihres gestalterischen Wirkens, in eine Welt, die noch ganz anderes war, als heute. Zwischen diesen Anfängen und der Gegenwart liegt nicht nur die friedliche Revolution von 1989, sondern auch die sehr deutliche Auswirkung einer technologischen Revolution – der Digitalisierung – deren Anfänge zwar weiter zurückliegen, als wir vermuten, genau genommen sogar schon im beginnenden 19. Jahrhundert – deren entscheidender Durchbruch aber in den letzten 35 Jahren erfolgte.
Dorit Goedecke hat den Beruf des Schrift- und Grafikmalers gelernt und Kommunikationsgestaltung im Fach Typografie studiert. Im Zuge der Vorbereitung dieser Ausstellung durfte ich in die Mappen blicken, in denen sie ihre Studienarbeiten gesammelt hat.
Das war wie das Eintauchen in ein anderes Universum:
Eine unglaublich vielfältige Sammlung tat sich auf.

Es fanden sich erste Schriftentwürfe als Schülerin, als sie noch gar nicht wußte, was sie einmal erlernen würde, in denen schon mehreres deutlich zu erkennen ist: Ordnung und Klarheit in der Darstellung, Phantasie und Vorstellungskraft, Kreativität, die Fühler ausstrecken in viele Richtungen. Viele Arbeitsweisen in der Kunst – Reduktion, Astraktion, Variation und Transformation waren damals schon sichtbar.
Es fanden sich schnelle Skizzen, die vieles erahnen lassen und der eigenen Phantasie weiten Raum geben und die eigene Vorstellungskraft wie auf eine eigene Reise schicken. Landschaften, Orte, Menschen bei der Arbeit, Portraits – gute Skizzen leben davon, dass mit wenigen Strichen Wesentliches dargestellt und erkennbar wird.
Es fanden sich sehr präzise Zeichnungen, Naturstudien von Pflanzen oder Teilen von Pflanzen, von Alltagsgegenständen; teils spielt auch das Licht für die körperhafte Darstellung eine Rolle, dann wiederum steht die Struktur oder Texturen im Vordergrund.
Die Mittel dafür sind angemessen eingesetzt.
Meist ist es der Bleistift, aber auch Tusche, entweder mit der Feder gezeichnet oder mit Tuschefüllern, wie man sie eigentlich für technische Zeichnungen verwendet hat, Rötel, Kohle und Pastellkreiden. Schriftstudien gehören dazu, aber auch reine Proportionsstudien oder solche, die sich mit Kontrasten, Helligkeit und Dunkelheit und ihrem Verhältnis zueinander, wie auch dem Figur-Grund-Thema befassen. Und scheinbar wie beiläufig gesellt sich die Fotografie dazu, mit Bildern, die sehr sorgfältig komponiert Geschichten von einer heute weitestgehend untergegangenen Welt erzählen.
Wozu muss man als Grafikerin Kiefernzweige abzeichnen?
Damit man das Sehen lernt. Sehen heißt: etwas präzise erfassen. Sich mit den Dingen sehr intensiv beschäftigen, den Dingen auf den Grund gehen. Ohne Sehen gibt es kein Erkennen.
Erkennen hat etwas damit zu tun, nicht nur das Äußere, sondern das Wesen zu erfassen, das Gesehene zu verarbeiten. Bestehendes in seine Bestandteile zu zerlegen, zu sezieren, zu analysieren – wie in der Naturwissenschaft. Es geht um das Erkennen von Gesetzmäßigkeiten, Wirkungen, Wertigkeiten: Was ist wichtig, was unwichtig, was lenkt ab, was wirkt wie? Hier findet schon eine Rückkoppelung mit der Psychologie der Wahrnehmung statt.
Die Gestaltung ist der letzte Schritt in einem Prozess, der stufenweise aufeinander aufbaut. Die Erkenntnis gibt die Leitlinien vor. Denn es geht nicht nur um reine Ästhetik, sondern – zumindest in den dienenden Medien, wie der Grafik – vor allem um Funktion und Identifikation. Alles Gestalten ist undenkbar, ohne das geschulte Sehen und Erkennen.
Schrift und Grafik gehören zu den ältesten Kulturgütern der Menschheit, und der Umgang damit will gelernt und immer wieder eingeübt sein.
Und mitten im Gestaltungsprozeß geschieht immer wieder etwas Unerwartetes. Ich bezeichne es als das Erscheinen des irrationalen Elements: Ein Mensch beginnt im Bewusstsein der erlernten Regeln mit den Elementen zu spielen, sie zu verknüpfen, zu variieren, neu zu kombinieren. Text, Bilder, Strukturen und Texturen fließen ineinander und plötzlich entsteht Neues, Unkalkulierbares, Individuelles – wie Musik, die man vielleicht kennt, die sich neu interpretiert  völlig anders anhört. Und immer hat der Gestalter die Prozesse im Blick, schaut mit Abstand darauf, beurteilt, verwirft, ändert, fängt wieder neu an oder geht einige Schritte zurück, um am Ende doch zu einer Lösung zu gelangen.
Sehen – Erkennen – Gestalten...
da sage mal einer, das macht doch jetzt der Computer.
Soso. Da schauen wir mal. Oder ich denke an die Vorstellung davon, dass man in einem kreativen Beruf fortwährend in seinen Phantasien schwelgen kann. Wie das tatsächlich abläuft, können Sie in der Ausstellung TYPO GRAFIK besonders an zwei Tafeln anschaulich besichtigen. Und diese Tafeln können auch nur einen kleinen Teil des Prozesses zeigen.
Es ist schön, zu sehen, dass der Bleistift und die anderen althergebrachten grafischen Werkzeuge nicht ausgedient haben. Die Ideen reifen im Kopf und suchen den Weg über die Hand aufs Papier. Einer meiner Professoren sagte zu uns einmal: 'Lernen Sie, mit dem Stift zu denken!'
Neben den Auftragsarbeiten der Grafikerin Dorit Goedecke sind in der letzten Zeit vermehrt Arbeiten der Künstlerin entstanden, die auch in ihr steckt.
Sie knüpfen zum Teil an die frühen Arbeiten an, sind aber nicht deren Wiederauflage. Dass es dazu kommt, ist Ergebnis neu gewonnener Freiheiten im persönlichen Bereich. Als Grundthema tauchen Gebäude und Landschaften auf: Häuser, Scheunen, nicht spektakuläre, aber markante Gebäude, die viel über die sie unmittelbar umgebende Welt aussagen, Landschaften, deren charakteristische Strukturen oft nur angedeutet werden, sodass der Betrachter in seiner Vorstellungskraft nicht eingeengt wird und das ihm Vertraute wiedererkennen kann. Thematisch hat das mit Heimat zu tun, aber nicht in einem überhöhten, verklärten und verkitschten Sinne, sondern eher mit dem Bewusstsein dafür, dass wir als Menschen Anker brauchen, die uns halten.
Sehen Sie sich um! Lassen Sie sich mitnehmen in die faszinierende Welt eines schöpferischen Geistes.“

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